Alle Artikel in der Kategorie “Ö1

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Zum 100. Geburtstag von Saxofonist Illinois Jacquet : 1922-2004

30.10.2022SpielräumeÖ1Klaus Wienerroither —   –  Details

Illinois Jacquet

Der aus Louisiana stammende Jean Baptiste «Illinois» Jacquet wird gerne als musikalischer Antipode seines Tenorsaxofonkollegen Lester Young beschrieben. Sein lautstarkes, «hupendes» Spiel gilt als ein großer Einfluss für die Saxofonisten des frühen Rock ›n› Roll, während Youngs lyrischer und weicher Sound das Klangideal des Cool Jazz vorweggenommen hat. — Illinois Jacquet war aber wesentlich mehr als ein ekstatischer «Zirkussaxofonist», als den ihn missgünstige Kritiker manches Mal bezeichnet haben. Sein Solo über «Flying Home» als Mitglied des Lionel Hampton Orchestra macht ihn bereits als 19-Jährigen bekannt, und er war sehr wohl auch ein Meister der subtileren Töne. Unbestritten ist Jacquets Einfluss auf nachfolgende Tenoristen wie Eddie «Lockjaw» Davis oder Sonny Rollins. Am 30. Oktober jährt sich der Geburtstag des 2004 verstorbenen Musikers zum 100. Mal.

 
 

SK-xxddhehi

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Frank-Walter Steinmeier ist nicht der richtige Präsident in dieser Stunde. Aber er ist der passende

25.10.2022NewsSternAndreas Hoidn-Borchers und Jan Rosenkranz —   –  Details

Frank-Walter Steinmeier

Das lange Hin und Her um die Reise des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zeigt: Der Präsident repräsentiert Deutschland genau so, wie es ist.

 

Das wär´s noch gewesen: Wenn an diesem Dienstagmorgen urplötzlich auch noch Frank-Walter Steinmeier ins Bild gelugt und den Teilnehmern der hochkarätig besetzten Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine im Berliner Westhafen kurz aus jenem kargen Zimmer in Kiew zugewinkt hätte, aus dem gerade sein ukrainischer Amtskollege zugeschaltet worden ist. Krachendes Lachen, patschende Hand auf Selenskyjs olivgrün gewandete Schulter.

 
 

SK-try202*

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Die Seele des Automaten: Conlon Nancarrow

25.10.2022Zeit-TonÖ1Walter Weidringer —   –  Details

Conlon Nancarrow

Conlon Nancarrow (1912-1997) war einer der großen Einzelgänger der Musik des 20. Jahrhunderts. Lange Jahre schuf der gebürtige US-Amerikaner, der wegen politischer Repressalien nach Mexiko emigriert war, seine ausgetüftelten Kompositionen für Selbstspielklaviere jenseits des etablieren Musikbetriebs. Durch Zufall hat ihn sein damals bereits berühmter Kollege György Ligeti Anfang der 1980er-Jahre wiederentdeckt, nachhaltig ins Rampenlicht gestellt – und durch Nancarrows Arbeiten jene Inspiration empfangen, die ihn aus einer Schaffenskrise befreien konnte.

 

— Ein Pariser Plattenladen, die Garage einer Autobahnraststätte in der Nähe von Solingen, Ligetis Auto und der offensichtlich klar entwickelte Geschmack eines unbekannten Diebes: Ohne das schicksalshafte Zusammenwirken all dieser Komponenten wüsste die Musikwelt vielleicht bis heute nicht, wer Nancarrow war. Dessen Weg zur Musik hatte einst schon steinig begonnen. «This horrible piano teacher I had at the age of four», sollte Nancarrow sich mit Grausen erinnern: «Naturally, I never learned to play anything.» Tatsächlich hat dieser eminent originelle Komponist nie wirklich Klavier spielen gelernt – und trotzdem einige der eigentümlichsten Werke des 20. Jahrhunderts für dieses Instrument geschaffen.

 
 

SK-xxddhehi

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Von Beruf Bronner – Zum 100.Geburtstag von Gerhard Bronner

23.10.2022MenschenbilderÖ1Heinz Janisch —   –  Details

Gerhard Bronner

Vor hundert Jahren – am 23. Oktober 1922- wurde Gerhard Bronner in Wien geboren.

 

»Von Beruf Bronner», so hat sich der vielseitige Künstler einmal selbst charakterisiert. Er war Autor, Textdichter, Librettist, Musiker, Pianist, Komponist, Sänger, Darsteller, Kabarettist, Nachtlokalbesitzer, Plattenproduzent, Studiobesitzer, Theaterdirektor … — In Wien-Favoriten aufgewachsen – als Sohn einer Näherin und eines Tapezierers – lernte er früh Klavier spielen. Sein erster Beruf war Schaufensterdekorateur in Favoriten. 1938 emigrierte er und überlebte als einziger seiner Familie. Er arbeitete in Palästina auf einer Zitrus-Plantage – und er leitete die Musikabteilung einer Radiostation. — 1948 kehrte er nach Wien zurück, er werkte beim Sender Rot-Weiß-Rot, schrieb Filmmusik, leitete mehrere Bühnen und verfasste legendäre Programme wie «Dachl überm Kopf», «Hackl vorm Kreuz» u.v.m. Unvergessene Lieder entstanden: «Der Wilde mit seiner Maschin», «Der g›schupfte Ferdl», «Der Papa wird›s schon richten». Gerhard Bronner machte Sendungen für den Rundfunk und fürs Fernsehen – vom «Zeitventil» bis zur «Großen Glocke», vom «Guglhupf» bis zu «Schlager für Fortgeschrittene». 1988 übersiedelte er nach Florida. 1993 holten ihn Freunde zurück. In den letzten Jahren pendelte er zwischen Österreich und Amerika.

 

Am 19. Jänner 2007 ist Gerhard Bronner an den Folgen eines Schlaganfalls in Wien verstorben.

 
 

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Legendäres Ensemble mit Neuem von Komponistinnen (1) – Ensemble Modern

17.10.2022Zeit-TonÖ1Marie-Therese Rudolphi —   –  Details

Ensemble Modern

»While living in London I had an apartment with a small garden. During the summer around 4 or 5 o›clock in the morning, just as the day began, birds would gather here one by one and sing together, each declaring its freedom in song. It is my wish to share this same spirit with other musicians and communicate it to the people», so schrieb der 26 Jahre junge Dave Holland – er nannte sich damals noch David – im Text zu seiner 1973 bei ECM veröffentlichten LP «Conference of the Birds». — Aufgenommen wurde das Leader-Debüt des britischen Bassisten-Meisters, der zuvor durch sein Engagement in der Band von Miles Davis und durch Aufnahmen im berühmten Quartett Circle ins Rampenlicht der internationalen Jazzszene getreten war, im November 1972 in New York City, also fast genau vor 50 Jahren. Mit Saxofonist Anthony Braxton und Schlagzeuger Barry Altschul waren bei «Conference of the Birds» denn auch zwei ehemalige Circle-Kollegen mit an Bord, vierter im Bunde war Veteran Sam Rivers (Tenorsaxofon, Flöte). — Holland gelingt im Rahmen des Albums in meisterhafter Weise eine schlüssige Strukturierung der Energie der freien Improvisation, indem er diese kompositorisch einfasst: Ein ausnotiertes Thema gibt in Stücken wir «Four Winds», «Interception», «See-Saw» sowie in der Titelnummer Stimmung und Tempo vor und dient als Startrampe für die Improvisation, in der den Musikern erlaubt ist, harmonisch und melodisch spontan jedwede Richtung einzuschlagen. Das durchgehend – im weiteren Sinne – «swingende» rhythmisch-metrische Fundament sorgt für Zugänglichkeit und Verständlichkeit.

 
 

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Gerhard Bronner und Georg Kreisler – Legendäre Liedermacher des Nachkriegs-Kabaretts (1)

17.10.2022RadiokollegÖ1Andreas Maurer —   –  Details

Georg Kreisler

Gerhard Bronner und Georg Kreisler sind beide Jahrgang 1922, gebürtige Wiener, wirken vielseitig als Texter, Sänger, Komponisten, Autoren, Kabarettisten und Juden, die vor den Nazis in die Emigration fliehen müssen. — Der 16-jährige Gerhard Bronner schwimmt über die Donau und erwischt ein Schiff nach Palästina, Georg Kreisler flüchtet derweil nach Osten in die USA. Dort arbeitet er in Hollywood mit Charlie Chaplin und lernt in New York das Handwerk des Show-Business kennen. Bronner wird unterdessen Kapellmeister einer Band mit vierundzwanzig Mitgliedern und erhält ein Engagement in London. Dennoch zieht es beide zurück nach Wien. In der zerstörten (ehemaligen) Heimat finden Bronner und Kreisler in der «Marietta-Bar» eine gemeinsame «Kultstätte», die später auch Peter Alexander oder Helmuth Qualtinger zum künstlerischen Zuhause wird. Das Duo pachtet auch das «Intime Theater» in der Liliengasse, doch dann zerbricht die Freundschaft. Zu gegensätzlich sind ihre Ansprüche und Einstellungen. Die Wege trennen sich, künstlerisch treffen sie aber immer wieder aufeinander. — Denn die Musikkabaretts beider Künstler entpuppen sich als Zeitventile, als gegensätzliche (Zerr-)Spiegelbilder eines zerrissenen Jahrhunderts. Hits wie «Tauben vergiften», «Wien ohne Wiener», «Zyankali» oder «Der g´schupfte Ferdl» verkehren die scheinbaren Idyllen der Nachkriegsgesellschaft ins absurde Gegenteil, indem sie provokanten Themen einen poetischen Schleier überwerfen. Ernste Musik wird assimiliert und mit der bissigen Sprache des Kabaretts angereichert, bekannte klingende Zitate künden in surrealistischen Geschichten von einer melancholischen, misstrauischen Weltanschauung. «Je ernster eine bittere Wahrheit war, die ich dem Publikum näherbringen wollte, desto überzeugender habe ich sie in Humor verpackt», verrät Gerhard Bronner später in seinen Erinnerungen. «Man verließ das Kabarett in guter Laune, aber die Wirkung stellte sich meist später ein.» Die Lacher abseits des gesellschaftlich akzeptierten Rahmens bleiben nicht ohne Kritik – der heute berühmte Schlager «Tauben vergiften» (Kreisler) ist in den 1950er Jahren im ORF sogar verboten. — Das Radiokolleg heftet sich auf die Spuren dieser genialen Liedermacher, die zum 100. Geburtstag posthum gemeinsam gefeiert werden.

 
 

SK-xxddhehi

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Mary Shelley: Frankenstein – Lust auf Literatur – Die Bücherbox zum Thema ‹Gothic Novels› (1)

17.10.2022RadiokollegÖ1Till Koeppel —   –  Details

Mary Shelley

Allein die Entstehungsgeschichte dieses Klassikers ist schon legendär: Der Ausbruch des Vulkans Tambori hatte im Jahr 1816 den Himmel verdunkelt und Weltuntergangsstimmung verbreitet, als Lord Byron seine Gäste in der Villa Diodati am Genfer See zu einem dichterischen Wettstreit lud. Das wohl bekannteste literarische Ergebnis dieser Nacht ist Mary Shelleys Roman «Frankenstein», den sie zwei Jahre später anonym veröffentlichen ließ. Darin erzählt die Autorin die Geschichte des jungen Wissenschaftlers Viktor Frankenstein, der einen künstlichen Menschen erschafft – mit fatalen Folgen. «Frankenstein oder Der moderne Prometheus» zählt bis heute zu den einflussreichsten Schauerromanen, inklusive zahlreicher Adaptionen für Film, Theater und Oper, und Boris Karloffs Darstellung von Frankensteins Monster hat sich in unserem visuellen Gedächtnis verankert.

 

 
 

SK-xxddhehi

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Krautrock – Klangtrips mit der Traumaschine (2)

11.10.2022RadiokollegÖ1Thomas Miessgang, Walter Gröbchen —   –  Details

Christoph Dallach

Krautrock ist ein recht unglückseliger Begriff, mit dem die experimentelle, (west)deutsche Musik der späten 1960er und siebziger Jahre bezeichnet wird. Er leitet sich vom Begriff Krauts her – so bezeichneten die Engländer im Zweiten Weltkrieg die Deutschen nach ihren präsumtiven Nahrungsvorlieben. Aber so inadäquat die Definition auch sein mag, sie markiert eine Musik, die einen gewaltigen rockhistorischen Emanzipationsschritt darstellte. War deutsche Musik in den frühen 1960er Jahren nicht mehr als ein mehr oder weniger gelungener Nachbau angloamerikanischer Beat-Vorbilder, so ging es dem Krautrock um eine völlig neue musikalische Vision, die sich zwar noch aus der US-amerikanischen psychedelischen Tradition speiste, im Besonderen aus den halluzinatorischen Entgrenzungsphantasien des LSD-Papstes Timothy Leary, ansonsten aber in viel größerem Maße kontinentaleuropäische E-Musik-Elemente, Free Jazz und auch Volksliedtraditionen einbrachte.

 

 
 

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Jodeln, Fado, Folk & Tschechien — Große Stimmen aus aller Welt

11.10.2022SpielräumeÖ1Albert Hosp —   –  Details

Chris Thile

Manchmal dürfen wir über die musikalische Vielfalt in Österreichs Konzert-Leben einfach staunen. Diese Sendung bringt vier Beispiele – allesamt im Oktober in Österreich live zu erleben. — In Person von Camané gibt einer der bedeutendsten Fado-Sänger zwei Konzerte, nämlich in Wien und Sankt Pölten, um seine Stimme mit komplettem (Tonkünstler-)Orchester umschmeicheln zu lassen. — So richtig solo ist Chris Thile unterwegs und macht in seinem schon geliebten Mozartsaal des Wiener Konzerthauses Station. Der Mandolinenmeister besitzt neben schnellen Fingern auch geschmeidige Stimmbänder. — Geschmeidig wäre untertrieben, wollten wir die Stimme von Erika Stucky beschreiben. Die Living Legend der Yodel-And-Beyond-Avantgarde gastiert zweimal in Österreich und beehrt mit dem Treibhaus Innsbruck und dem Schlachthof Wels zwei mehr als verdiente «Independent»-Häuser. — Stuckys unvergleichliche Mischung aus Jazz, Pop, Improvisation und Schweizer Volksmusik entstand ursprünglich aus der Tatsache, dass die Sängerin in San Francisco geboren wurde und dann ins Oberwallis übersiedelte. — Eine starke Verbindung zu den USA, wenngleich zur lateinamerikanischen Community im Big Apple, hat auch die in Tschechien geborene Marta Topferova. Aus diesen Erfahrungen fabriziert Topferova eine einzigartige Stil-Melange, die sie in der Sargfabrik in Wien zum Besten gibt.

 

 
 

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Vokales IGNM-Geburtstagskonzert in Graz – Cantando Admont

11.10.2022Zeit-TonÖ1Philipp Weismann —   –  Details

Cantando Admont

musikprotokoll 2022. Cantando Admont singt Festkonzert für die IGNM

Das in Graz beheimatete Vokalensemble Cantando Admont hat sich zu einem wichtigen Advokaten zeitgenössischen Musikschaffens entwickelt. Am 8. Oktober 2022 gab es sein musikprotokoll-Debüt. Anlass war ein bedeutendes Jubiläum: Die in Salzburg gegründete Internationale Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) feiert heuer ihr 100-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass präsentierte die IGNM gemeinsam mit dem ORF-Festival ein Festkonzert, das das Schaffen von Komponistinnen ins Zentrum stellte. Das international renommierte, 2016 von Cordula Bürgi gegründete und geleitete Ensemble interpretierte unter anderem eine Uraufführung der steirischen Komponistin Elisabeth Harnik, die ein Gedicht der ukrainischen Autorin Iryna Shuvalova vertont hat.

 
 

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Musik aus der Ukraine für Viola Solo – musikprotokoll 2022. ‹Constellation› mit der Bratschistin Kateryna Suprun

10.10.2022Zeit-TonÖ1@ukraine_world / #russiaisaterroriststate —   –  Details

Kateryna Suprun

2019 feierte ein ukrainisches Streichquartett seine Premiere beim musikprotokoll mit zeitgenössischer ukrainischer Musik. Und sie spielten so sensationell gut, dass das traditionsreiche Festival das Danapris String Quartet zwei Jahre später gleich noch einmal nach Graz eingeladen hat. Gründungsmitglied dieses grandiosen Ensembles ist die Bratschistin Kateryna Suprun. Die Musikerin floh zu Beginn des Krieges nach Berlin. Im März erschien ihr Soloalbum «Constellation», das sie noch während der Corona-Pandemie in Kyjiw eingespielt hatte. Es ist eine fein schillernde, zart anmutende Zusammenstellung aktueller Musik aus der Ukraine, die es zu entdecken gilt. — Eine Teil-Wiedergabe der ORF-musikprotokoll-Konzert vom 7. und 8. Oktober 2022 in der Helmut List Halle Graz.

 
 

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Krautrock – Klangtrips mit der Traumaschine (1) – Neu! · Amon Düül · Guru Guru · Can · Kraftwerk

10.10.2022RadiokollegÖ1Thomas Miessgang, Walter Gröbchen – Esther Holeschek —   –  Details

Krautrock Trips

Der EU-Preisdeckel für Öl wird Russland massiv schaden, sagt ein Experte. Mit Putin werde das Land immer weiter in den Untergang gerissen. — Nach außen versucht Wladimir Putin Russland als blühende Nation darzustellen. Die westlichen Sanktionen gegen die russische Wirtschaft würden Europa viel stärker treffen, so das Narrativ des Kreml-Chefs. Doch entspricht diese Darstellung tatsächlich der Wahrheit? — Krautrock ist ein recht unglückseliger Begriff, mit dem die experimentelle, (west)deutsche Musik der späten 1960er und siebziger Jahre bezeichnet wird. Er leitet sich vom Begriff Krauts her – so bezeichneten die Engländer im Zweiten Weltkrieg die Deutschen nach ihren präsumtiven Nahrungsvorlieben. Aber so inadäquat die Definition auch sein mag, sie markiert eine Musik, die einen gewaltigen rockhistorischen Emanzipationsschritt darstellte. War deutsche Musik in den frühen 1960er Jahren nicht mehr als ein mehr oder weniger gelungener Nachbau angloamerikanischer Beat-Vorbilder, so ging es dem Krautrock um eine völlig neue musikalische Vision, die sich zwar noch aus der US-amerikanischen psychedelischen Tradition speiste, im Besonderen aus den halluzinatorischen Entgrenzungsphantasien des LSD-Papstes Timothy Leary, ansonsten aber in viel größerem Maße kontinentaleuropäische E-Musik-Elemente, Free Jazz und auch Volksliedtraditionen einbrachte.

 

Auffällig und ungewöhnlich am Krautrock war, dass sich dort nicht vorwiegend traditionelle Rockmusiker betätigten, sondern Free Jazzer wie die Schlagzeuger Mani Neumaier oder Jaki Liebezeit oder ausgebildete Klassikmusiker wie der Organist Irmin Schmidt und der Bassist Holger Czukay von der Gruppe Can. Ein weiterer wesentlicher Aspekt des Krautrock war die Faszination von neuen elektronischen Klanggeneratoren, die schnell in den akustischen Genpool der Musik eingespeist wurden – was im Falle der Gruppe Kraftwerk zum Welterfolg führte.

 

Krautrock war nie ein konsistentes Genre, sondern ein Sammelbegriff, der den Acid Folk der Gruppe Witthüser & Westrupp genauso umfasste wie die Space-Expeditionen von Tangerine Dream oder den frei fließenden Elektro-Jamrock von Guru Guru. — In seinen verwegensten Momenten konnte der Krautrock den Charakter einer von Erdenschwere befreiten galaktischen Fieberphantasie annehmen, doch, ebenfalls nicht selten, blieb er am Boden kleben und suhlte sich im uninspirierten (Prog)Rockklischee – etwa bei Gruppen wie Grobschnitt. Aus der Distanz von fast 50 Jahren ist er jedenfalls ein abgeschlossenes Kapitel kontinentaleuropäischer Musikgeschichte – das erste, das eine bis heute wirkende internationale Rezeption erlebte und mittlerweile zum globalen Klangreservoir zählt, aus dem sich eklektizistische Gegenwartsmusiker bedienen. Das britische Magazin «Melody Maker» schrieb einmal, Krautrock sei «a droning, pulsating sound that owed more to the avant garde than to rock & roll.»

 
 

SK-xxtry202*hehi