31.03.2025 – Jazztime: Hören wir Gutes – BR-Klassik – Beate Sampson, Roland Spiegel und Ulrich Habersetzer — – Details
Emma Rawicz & Gwilym Simcock
Emma Rawicz & Gwilym Simcock: Big Visit (ACT)Die Musik beginnt und sofort ist klar: dieses Duo hat Energie für zehn und sorgt mit der Kraft seiner lebensbejahenden Musikalität dafür, dass ich jetzt sofort seinem ersten gemeinsamen Album alle Aufmerksamkeit widmen und mich von ihm hinreißen lassen werde. Es wird ein erstes Mal, dem bis zum Schreiben dieses Textes noch viele Male folgen werden. Die virtuose Spielfreude von Saxophonistin Emma Rawicz und Pianist Gwilym Simcock geht mit einem jubilierenden Tonfall einher, den man zur Behandlung melancholischer Verstimmungen verschreiben könnte. Die beiden fliegen in präzise koordinierten Klangkaskaden durch lange, tänzerische Themen, umspielen sich im Wechsel von eng geführten gemeinsamen Passagen und auseinanderstiebenden, improvisatorischen Ausbrüchen. Aus der klingenden Doppelhelix einer gemeinsamen, musikalischen DNA tönt ihre klassische Vorbildung, ihre Lust an allem, was funky ist und groovt und ihre Kenntnis der sich nicht erschöpfenden Navigationsmöglichkeiten durch den harmonischen Kosmos. Beide kommen sie aus England – er aus Wales, sie aus Devon, und obwohl der Altersunterschied zwischen ihnen zwanzig Jahre beträgt, kann man sie eindeutig der jungen Jazzgeneration zuschlagen: er ist Jahrgang 1981, sie ist Jahrgang 2002. Ihre Jugend macht die Qualität des Albums noch ein bisschen bemerkenswerter. Denn hier hört man eine klanglich und stilistisch ausgereifte Spielerin, die einen ganz eigenen, hell klaren, eleganten Ton besitzt, und eine gestalterische Souveränität in jeder Nuance und jedem Tempo. Je zwei eigene Kompositionen, ein Arrangement einer Popballade von Stevie Wonder und den Jazzklassiker «You´ve changed» haben die beiden mitgebracht für ihr umwerfendes Debüt.
Tobias Wiklund: Inner Flight Music (Stunt Records) — Die Markenzeichen dieses Musikers sind: ein roter Rauschebart – und Töne, die ins Gemüt fahren. Der Schwede Tobias Wiklund, geboren 1986, spielt Kornett. Das ist ein Instrument, das beinahe aussieht und klingt wie eine Trompete, aber zur Familie der Hörner gehört (es wird auch «kleines Ventilhorn» oder «Cornet à pistons» genannt). Louis Armstrong spielte in seiner Anfangszeit nicht Trompete, sondern Kornett, und der moderne Jazzer Nat Adderley war bekannt dafür, dass er dieses Instrument der Trompete bevorzugte. Tobias Wiklund begeisterte sich in der Jugend für Jazz, nachdem sein Vater ihm eine Platte Louis Armstrongs geschenkt hatte. Was dieser nordeuropäische Musiker mit dem frühen Vorbild gemein hat, ist ein großer Sinn für plastischen, sinnlichen Gefühlsausdruck. Auch auf diesem Album zieht einen der leicht raue und ungemein warme Ton Wiklunds sofort ins Geschehen. Die Stücke sind solche, die beim Hören unmittelbar ein Glücksgefühl erzeugen können. Es ist maximal körperliche Musik, mit sehr beseelter Aura. In relativ kleiner Besetzung nur mit Rhythmusgruppe, aber auch in zwei Stücken zusammen mit dem «Swedish Wind Orchestra», fesselt dieser Ton nachhaltig. Bewegende Dialoge führt Wiklund in einigen der Aufnahmen mit der Tenorsaxophonistin Hanna Paulsberg. Munter, aufgekratzt, sprunghaft kann seine Instrumentenstimme klingen – und dann wieder ist sie von einer innigen Inbrunst getragen, der man sich kaum entziehen kann. So etwa in dem unter die Haut gehenden, langsamen Stück «Solens Stralar Ger Mitt Härta Vingar»: «Die Sonnenstrahlen verleihen meinem Herzen Flügel»). Zeitlos schöner Jazz-Sound für rührbare Seelen.
Tsombanis4: Essentials (Unit Records) — Manchmal ist «mehr» auch schöner, dafür muss es aber das richtige Maß an «mehr» sein. Im Fall von Anna Tsombanis› neuem Album ist «mehr» sogar das Wesentliche. «Essentials» ist der Titel und das «mehr» ist ein zweiter Kontrabass. Das Trio der 1994 in Berlin geborenen und in Wien lebenden Tenorsaxophonistin und Komponistin mit Schlagzeuger Herbert Pirker und Kontrabassist Andreas Waelti wird auf «Essentials» um die Kontrabassistin Beate Wiesinger erweitert. So nennt sich die Band konsequenterweise «Tsombanis4».
Völlig organisch kommt diese ungewöhnliche Besetzung mit Schlagzeug, Tenorsaxophon und zwei Kontrabässen daher. Die Stück strahlen eine lebendige Frische, aber auch ein Höchstmaß an feiner Kommunikation aus. Wie die Töne der beiden Bässe sich umspielen, wie genau und achtsam sie sich gegenseitig ausklingen lassen, wie diese zwei Tieftöner manchmal scheinbar zu einem Instrument verschmelzen, das ist beachtlich. So spielen nur Menschen mit außergewöhnlichen musikalischen Antennen. Solche haben aber auch Schlagzeuger Herbert Pirker, der energetisch, aber immer mit Gefühl die Musik vorantreibt und natürlich Anna Tsombanis, die die subtilen Themen komponiert hat und mit ihrem runden Saxophonsound die Geschichtenerzählerin dieses Ensembles ist. Wer eine Jazzentdeckung in diesem Frühjahr machen möchte, hier ist sie: «Essentials» von «Tsombanis4» – unbedingt anhören!
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