Die Gesellschaft verzwergt / Marianne Birthler

02.04.2025NewsZeit OnlineTina Hildebrandt —   –  Details

Marianne Birthler

Wann kippt eine Demokratie, und wie wehrt man sich dagegen? Die frühere Bürgerrechtlerin Marianne Birthler spricht über ihre Erfahrungen im Unrechtsstaat DDR – und sieht Parallelen zu den USA.

DIE ZEIT: Frau Birthler, woran merkt man, wenn ein Land sich in eine Diktatur verwandelt? — Marianne Birthler: Es beginnt mit einer stärkeren Unterscheidung zwischen der Außen- und der Innenwelt, einer Innenwelt des Vertrauens und der Außenwelt des Misstrauens. Wenn man anfängt, den Kindern früh zu sagen: Sprich darüber bitte lieber nicht in der Schule. Dann gibt es diese Schere im Kopf: Wenn einem gar nicht mehr bewusst ist, wie man sich selbst zensiert. Man lernt dann sehr schnell zu unterscheiden zwischen den Menschen, die versuchen, aufrichtig zu bleiben, und denen, die beidrehen. Freunde gehen verloren, andere werden gewonnen. — ZEIT: Das sind Veränderungen in der Gesellschaft. Was sind die Warnsignale, wenn man auf den Staat schaut? — Birthler: Ein starkes Signal ist das Verhältnis zur Wahrheit. In den USA kann man das wunderbar sehen: Es ist Trump scheißegal, ob etwas stimmt oder nicht. Entscheidend ist, wie es wirkt. Das ist auch in Diktaturen so. Bei Putin ist es ähnlich. — ZEIT: Was ist der Unterschied zwischen einer Diktatur und einem autoritären Regime? — Birthler: Das sind graduelle Unterschiede. Es gibt den Versuch, Begriffe wie «gelenkte Demokratie» oder «illiberale Demokratie» für solche Grenzfälle zu finden, da zeigt sich schon im Wort die Vermischung. Die Vereinigten Staaten sind formal immer noch eine Demokratie. Aber es gibt schon eine ganze Reihe von Punkten, wo man sagen kann: Da kippt etwas. — ZEIT: Denken Sie manchmal an die DDR, wenn Sie Nachrichten aus den USA hören?

(…)

ZEIT: Als Trump vereidigt wurde, gab es ein Bild mehrerer Tech-Milliardäre, die wie eine Prätorianergarde hinter ihm standen. Mark Zuckerberg kündigte an, seine Plattform Meta werde Faktenchecks einstellen. Angst dürften diese mächtigen Männer kaum haben. — Birthler: Bei Zuckerberg war sein öffentlicher Kotau die Eintrittskarte in die Welt der neuen Macht. Ich habe bei diesem Anblick ein geradezu körperliches Unbehagen. Diese Anbiederung, dieses Wegducken erinnert mich so an die DDR. — ZEIT: Überrascht Sie das? Die USA sind das Land, das sich für den Hort der Freiheit und Individualität hält. Trotzdem äußern sich bislang sehr wenige kritisch. Birthler: Nein, das überrascht mich nicht. Es zeigt, dass das Motiv «nicht ausgegrenzt werden wollen» mindestens so stark ist, wie die Angst davor, etwas Falsches zu tun. Ich erinnere mich noch gut an eine Situation, in der ich als junge Mutter in einer Elternversammlung saß. Ich wollte etwas Kritisches sagen, aber hatte Angst, mich zu melden. Das war keine gefährliche Situation, aber allein aufzustehen, zu riskieren, dass da welche den Kopf über mich schütteln, hat schon gereicht. Und dann fällt mir meine Mutter ein, ein kleiner Angsthase. Ihre Botschaft an uns war: Kinder, passt immer auf, dass ihr nicht aneckt. Lebt so, dass die Leute euch mögen. Eine blöde Botschaft.

 
 

SK-news