Val Kilmer brachte in jede Rolle eine wunderbar schräge Sensibilität ein

02.04.2025NewsThe New York TimesEsther Zuckerman —   –  Details

Val Kilmer

Sogar seine Rollenwahl konnte exzentrisch sein. Letztendlich kann man ihn sich am besten als Charakterdarsteller vorstellen, der im Körper eines Hauptdarstellers gefangen ist. — Val Kilmer als Iceman in «Top Gun» von 1986. Seine übermütige Darstellung fand großen Anklang, als die Fortsetzung 2022 in die Kinos kam.

Val Kilmer muss nicht einmal als Iceman in «Top Gun: Maverick» (2022) auf der Leinwand erscheinen, damit das Publikum seine Präsenz spürt. — Zu Beginn textet Tom Cruises «Maverick» Mitchell mit seinem alten Rivalen Iceman, aber obwohl dieser nur durch Worte auf einem Bildschirm dargestellt wird, weiß man genau, wer das ist, und die Freude an Kilmers ausgelassen-überheblicher Darstellung im Originalfilm von 1986 hallt in der Erinnerung wider. — Das macht den Moment, in dem Kilmer später im Film tatsächlich auftaucht, umso eindringlicher. Maverick hat ihn um Rat gefragt. Kilmer strahlt immer noch eine majestätische Energie aus, nur hat sich seine Figur nun seinen Hochmut verdient, der sich als Weisheit präsentiert. Die Zeit hat ihn etwas weicher gemacht, aber Kilmer spielt Iceman nicht als demütig. Stattdessen ist er selbstbewusster denn je, eine Art Weiser, auch wenn die Jahre ihm die Stimme genommen haben, wie es bei Kilmer selbst der Fall war, der an Kehlkopfkrebs litt. — Es schien, als ob alle Beteiligten wussten, dass die Szene in «Maverick» als Abgesang auf Kilmer dienen würde, der am Dienstag im Alter von 65 Jahren an einer Lungenentzündung starb. Doch so kurz die Sequenz auch ist, sie erinnert daran, was für ein Schauspieler Kilmer war: einer, der von unerwarteten Entscheidungen lebte und ständig darauf aus war, zu überraschen, egal in welchem Kontext.

In seiner Jugend wirkte Kilmer wie der ideale Filmstar, mit strahlendem Aussehen, unterstrichen von natürlich schmollenden, küssenswerten Lippen. Dieses klassisch schöne Aussehen hätte ihn auch auf einen anderen Weg führen können, und natürlich versuchte Hollywood gelegentlich, aus ihm einen traditionellen Hauptdarsteller zu machen. Besonders eingeschränkt war er in seiner Rolle als Rächer mit Kapuze in Joel Schumachers « Batman Forever « (1995). Doch er blühte mehr als Charakterdarsteller auf und brachte eine schräge Würze auf die Leinwand. — Sein Freund Robert Downey Jr. nannte ihn «chronisch exzentrisch». Diese Exzentrizität trug teilweise dazu bei, dass während seiner gesamten Karriere Berichte über ihn als schwierig am Set aufkamen. Sie machte ihn auch so faszinierend anzusehen. Er wählte und spielte seine Rollen exzentrisch. Es war nicht so, dass er übertrieben gewesen wäre, sondern dass er immer einzigartig war. — Er hätte mehrfach in eine Schublade gesteckt werden können. Sein Debüt als Rockstar gab er 1984 in der Parodie « Top Secret!», in der er sich einer Albernheit hingab, die seine Ausbildung an der Juilliard School Lügen strafte. Auch Iceman, nur zwei Jahre später, hätte ein Archetyp sein können, zu dem Kilmer im Laufe seiner Karriere immer wieder zurückkehrte. Doch obwohl Kilmers Figuren oft eine Arroganz ausstrahlten, die selbstzerstörerisch sein konnte, war er nie daran interessiert, sich zu wiederholen. Man könnte ihm zu wenig Anerkennung dafür zollen, wie sehr er sich von Rolle zu Rolle verwandelte. — Als Doc Holliday, die legendäre Figur des amerikanischen Westens, in « Tombstone» (1993), pflegte Kilmer eine zuckersüße Sprechweise, die verführerisch, aber auch leicht bedrohlich wirkte. Holliday leidet an Tuberkulose und ist oft betrunken, doch statt vor Rausch und Krankheit zu schwanken, ist Kilmer seltsam regungslos. Das macht ihn bezaubernd und zugleich irgendwie beunruhigend.

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Manchmal wird Kilmers Karrieregeschichte anhand seiner Nicht-Tätigkeiten erzählt. Er trat nicht in Francis Ford Coppolas «Die Outsider» auf und entschied sich stattdessen für einen Auftritt am Broadway. David Lynchs «Blue Velvet» lehnte er ab. Er drehte nur einen Batman-Film. — Doch trotz aller Wege, die er nicht einschlug, schuf Kilmer ein Werk, das beinahe trotzig sein eigenes war. Er war ein Gestaltwandler, der sich gleichermaßen dem Herzen, der Tragödie und der Absurdität verschrieben hatte. — Man spürt die Bedeutung seines Vermächtnisses im «Maverick»-Moment. Bevor er Maverick gehen lässt, sagt er: «Eine letzte Frage: Wer ist der bessere Pilot, du oder ich?» Maverick antwortet: «Das ist ein schöner Moment. Lass ihn uns nicht ruinieren.» Dieses Kilmer-Lächeln blitzt auf, während er kichert, und erinnert einen an seine durch und durch unkonventionelle Ausstrahlung.

 
 

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